Sezieren oder Verstehen?

Sezieren oder Verstehen?

 

Von der Tatsache abgesehen, dass jeder Autor einzigartig ist, finde ich, dass man eigentlich alle Autoren einer von zwei Familien zuordnen kann.

 

Die erste Familie wird am großartigsten von Joyce Carol Oates vertreten. 

Sie seziert ihre Figuren, analysiert ihre Motive und Beweggründe messerscharf und beleuchtet alle Abgründe und Charaktereigenschaften und –fehler. Der Leser entdeckt mit Erstaunen, manchmal Entsetzen, wozu Menschen fähig sind. Die Beschreibungen sind zutreffend, enthüllend und bar jeglichen Mitleids oder Verständnisses.

 

Eine Schwester oder Bruder im Geiste sind für mich Lionel Shriver oder Ian McEwan.

 

Die zweite Familie wird brillant von der mit dem diesjährigen - endlich! - Nobelpreis ausgezeichneten Kurzgeschichten Autorin Alice Munro angeführt. Auch hier werden Menschen mit all ihren Irrungen, ihre Untreue und ihren Egoismen vorgeführt. Kaum eine ihrer Figuren widersteht Versuchungen, zumeist Ehebruch. Oft ist der Leser erstaunt, wozu die Figuren fähig sind, die Motive sind sehr persönlich und oft verurteilenswert. Im Gegensatz zu Joyce Carol Oates empfindet Alice Munro ein großes Erbarmen mit all ihren schwachen und fehlbaren Figuren. Diese sind wie du und ich, wurschteln sich durch ihre zumeist ungemein normalen und unaufregenden Existenzen, begehen Irrtümer, bedauern, aber der Schaden ist oft nicht wieder gut zu machen.

 

Zur Autorenfamilie Alice Munros (mein Lieblingsbuch von ihr ist „Tricks“) gehören für mich Anna Quindlen, mit ihren Büchern „Black and Blue“ , deutsch „Kein Blick zurück“ ; und auch Kate Atkinson mit ihrem Buch „Case Histories“, leider auf deutsch mit dem irreführenden Titel „Die vierte Schwester“ versehen worden.

 

Ich oute mich hiermit als bedingungslosen Fan der zweiten Familie. Übrigens, damit wir uns nicht falsch verstehen, auch hier gibt es meist keine Happy Endings, das ist auch nicht der Punkt. Was ich so mag, ist die Art, die Figuren zu zeichnen. Nach wenigen Seiten fühlt man sich mit den Figuren vertraut, als kenne man sie als Jahren. Man empfindet Empathie mit misshandelten Krankenschwestern aus New York oder mit ungeliebten alten Jungfern aus Oxford. Die Figuren sind so lebendig, dass man sich fragt, ob die Autorinnen sie wirklich erfunden haben können, oder doch Bekannte oder Freunde beschreiben.

 

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