Hanna Schygulla im Goethe Institut in Paris

Gestern im Goethe Institut.

 

 

Hanna Schygulla hat ihre frisch erschienene Autobiographie vorgestellt. Eine kleine, rundliche ältere Dame, die aber so gar nichts Ältliches hat. Ein Tuch wie eine Krone um den Kopf geschlungen, die graublonden langen Haare berühren gerade ihre Schultern. Sie strahlt, gestikuliert und redet unaufgeregt vor dem vollbesetzten Auditorium. Dazwischen werden immer wieder neue, von ihr selbst gedrehte sehr moderne Kurzvideos gezeigt, in denen sie um biographische Aspekte kreist. Kein Divengetue, im Gegenteil Frau Schygulla ist herrlich uneitel.

 

 

Der Auftrag es Goethe – Institutes ist es, die deutsche Kultur hier in Frankreich vorzustellen. Anscheinend geht man davon aus, dass die Franzosen sich zwar für Deutschland interessieren, aber kein Deutsch sprechen. Deshalb findet der Abend fast vollständig auf Französisch statt. Hanna Schygulla lebt seit dreißig Jahren in Paris und spricht sehr gut Französisch. Kein harter deutscher Akzent. Mich amüsiert, dass ich eigene Fehler bei ihr wiederfinde, ihr Satzbau folgt auch auf französisch deutschen und nicht französischen Regeln. Dennoch finde ich, dass sie sicherer und gewandter wirkt, wenn sie auf Deutsch spricht.

 

Ich habe Bilder von ihr in ihren Filmen im Kopf. Natürlich ist sie gealtert, sie ist gerade 70 Jahre alt geworden. Immer wieder thematisiert sie ihr Älterwerden. Es ist ein Thema für sie – und anscheinend auch für Journalisten.

 

Gerade wurde sie in einem Radiointerview gefragt, wie sie denn sterben wolle. Was für eine Frage. Eine, die insinuiert, dass sie nun an der Reihe ist. „Noch nicht“, hat sie geantwortet. Manchmal wird sie auf der Straße angesprochen: „Ist Ihnen eigentlich bewusst, wie wichtig sie für Rainer Werner Fassbinder waren? Ist Ihnen bewusst, was sie einmal für das deutsche Kino bedeutet haben?“ Solche Fragen ärgern sie. Fragen, die ihr bedeuten, dass sie eigentlich schon tot ist, oder zumindest nicht mehr zählt. Dass sie nichts so bedeutendes mehr leisten kann, wie damals mit Fassbinder. Fassbinder kommt immer wieder zur Sprache.

 

Überhaupt werden viele, auch private Themen angerissen, aber es schlägt niemals in eine Selbstdarstellung um, die einen Voyeurismus bedient. Hanna Schygulla ist einerseits so offen, so präsent, so freigiebig mit Episoden und wichtigen Ereignissen, andererseits bleibt viel Privates was es ist: privat. Ihre Biographie ist mehr eine Selbstbefragung. Abzurechnen mit wem auch immer, ist Hanna Schygulla fremd. Selbst als ihr am Ende der Veranstaltung von einer Besucherin die Frage gestellt wird, ob es stimme, dass sie plane nach Berlin umzuziehen, weil sie Paris satt habe, umgeht sie die Frage elegant. Sehnsucht, wieder in der eigenen Muttersprache zu leben, sei der Grund.

 

 

Nach zehn Jahren Ausländerdasein verstehe ich sie nur zu gut.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    sissi (Dienstag, 04 März 2014 00:00)

    Die Schygulla nur auf Fasssbinder zu reduzieren... beschämend. Ich mag die Dame... wäre gerne dabei gewesen, da hast du mir was voraus.
    Ausländerdasein... ich würd es gerne wieder einmal leben, doch ich kann es verstehen. Sprache ist Heimat...