Kunst im wahren Leben oder wie lerne ich Unbekannte kennen, Teil 2

In meinem Blog vom 18. März habe ich, wie leider so oft, so viele Dinge gesät, dass es schwer sein wird, auch nur einen Bruchteil davon in einem zweiten Artikel komplett zu verwursten.

 

Ich hatte von meiner Tasche erzählt, die ich auf einem Felsen am Strand von Loix auf der Ile de Ré fotografiert hatte. Ich wollte daraus eine Serie machen. Eine blaue Tasche, die allein auf Reisen geht. Das ganze war als kleine Kreativitätsübung für mich gedacht. Seine Umwelt wahrnehmen, genau hinschauen. Denn oft, wenn ich etwas beschreiben will, fällt mir auf, dass ich selbst von Orten, an denen ich mich oft aufhalte, nur vage Vorstellungen habe.

Gut lügt es sich aber nur mit vielen Details. Und ein Autor sollte gut lügen können, damit ihm seine Leser glauben. (Auf diese eigentlich logische, aber oft vergessene Tatsache weist übrigens Stefan Waldscheidt in seinem exzellenten Blog Schriftzeit hin.)

 

Deshalb: Tasche auf Stein, mehrere Fotos aus unterschiedlicher Perspektive. Mit Chéri Adoré geplaudert, in Sonne geblinzelt, Kinder herangewunken, Hund von toter Muschel weggezerrt. Auf die Uhr gesehen und „Hurra, wir können zurück in die Creperie!“ gerufen. Die war nämlich vorher rappelvoll gewesen und wir hatten einen Tisch nur nach gehöriger Wartezeit, die wir zum Radeln verwendet hatte, bekommen. Fröhlich zurückgefahren. Von Mini-Louloutte drauf hingewiesen worden, dass mein Fahrradkorb verdammt leer aussehe. Behauptet: „Kann nicht sein!“ und Hinweis in den Wind geschlagen.

 

 

 

Bei Creperie fast Herzinfarkt bekommen. Bloß mein Handy ist in der Jackentasche. Geld, Kreditkarten, Perso, Krankenkassenkarte, Funkelnagelneuer französischer Führerschein, den ich mir zwei Vormittage lang in der Sous-Préfecture erwartet hatte, waren in meinem Geldbeutel.

Und der war in der Tasche.

Und die war nicht im Fahrradkorb.

Im Fahrradanhänger auch nicht.

Lag einsam und verlassen am Strand.

Louloutte ist beleidigt, ich schäme mich mit dem Rest meiner Gehirnzellen heftig, dass ich ihr nicht geglaubt habe. Überwiegender Anteil genannter Zellen ist aber damit beschäftigt, mich mit Worstcaseszenarien so aufzuregen, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben Bluthochdruck bekomme.

Kurze Beratschlagung.

Chéri adoré radelt wegen deutlich längerer Beine und deutlich besserer sportlicher Kondition in Überschreitung der 30km/hs im Ort zurück.

 

Rest der Familie wartet bedröppelt und unter Appetitverlust in Creperie.

Die ungläubige Rabenmutter bekennt sich öffentlich schuldig. Dies hebt Stimmung nicht wirklich.

1. Anruf Tasche weg.

Glupps.

2. Anruf von Chéri Adoré: mit Rentnerpaar in Campingwagen neben Strand angesprochen, die hatten die Tasche nicht, aber ein anderes Paar hatte sie gefunden und gefragt, ob sie ihnen gehöre. Es sah also aus, als suchten die Finder nach mir. Blutdruck sinkt ein bisschen, aber nicht viel.

3. Cheri Adoré kommt mit leeren Händen zurück. Wir essen Crèpes. Ich kann mich nicht erinnern, was auf meinem drauf war.

4. Anruf einer unbekannten Handynummer. „Erinnern Sie sich an mich? Ich heiße Olivier und arbeite in einem kleinen Tennisgeschäft.“

Wie merkwürdig ist das jetzt? Ok, ich hab zuletzt vor zwei Monaten dort eingekauft, aber Leute, was will der gute Mann ausgerechnet jetzt von mir?

 

 

Fortsetzung folgt bald!

 

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