"Das Lächeln der Frauen" - Der Enthüllungsroman, der als Liebesroman daher kommt

Weil ich in Frankreich lebe, erzählte mir eine Freundin vor den Sommerferien von einem deutschen Bestseller, der in Paris spiele. Ein Liebesroman, „Das Lächeln der Frauen“ von einem jungen französischen Autor, Nicolas Barreau, geschrieben. Der Roman sei flüssig geschrieben, eine angenehme Strandlektüre. Sie lieh ihn mir.

Da ich neugierig bin, habe ich den Roman gegoogelt. Merkwürdigerweise gab es ihn nur auf Deutsch, obwohl es angeblich eine Übersetzung aus dem Französischen sein sollte.

 

 

 

Die Geschichte beginnt konventionell. Aurélie, die liebeskummrige Ich-Erzählerin, ist von ihrem hinterfotzigen heimlich hinter ihrem Rücken anderweitig verbandelten Freund mit einem feige in ihrer Wohnung platzierten Dreisatzabschiedsbrief allein in den regnerischen Pariser Herbst geschickt worden. Sie trägt ihren Herzschmerz auf die schönsten Pariser Brücken. Nett zu lesen, dachte ich mir, aber eigentlich stehe ich nicht so auf Liebesromane. Die Schreibe war flappsig, die Sicht eher weiblich.

Nochmals googelte ich, diesmal den Autor. Komisch, keine Homepage, dabei hat der junge Mann schon mehrere ziemlich erfolgreiche Romane verfasst, bevor ihm dieser Bestseller, der sich anscheinend Wochen ganz oben auf der Spiegelliste hielt, geglückt ist. Alle Romane angebliche Übersetzungen, alle von der gleichen Übersetzerin, Sophie Scherrer, ins Deutsche übersetzt. Hier und da im Text ein paar Französisismen, die mich störten, aber nichts gravierendes.

Die Lektüre begann mich stärker in Bann zu ziehen, als Aurélie auf ein Buch stößt, dessen Hauptfigur ihr selbst so stark ähnelt, dass der Autor, ein unbekannter englischer Schriftsteller, sie eigentlich zum Vorbild genommen haben muss: eine junge Frau, die ihr äußerlich aufs Haar gleicht und überdies ein Kleid und eine Perlenkette trägt, wie sie sie auch besitzt, nimmt in einem Restaurant, das exakt so aussieht wie das ihre, eine Bestellung auf.

Aurélie ist Köchin und erklärte Nichtleserin. Die einzigen Bücher, die sie sich normalerweise zu Gemüte führt, sind – natürlich – Kochbücher. Dieses Buch aber scheint für sie geschrieben zu sein, und es hilft ihr aus der Tiefe ihres Liebeskummers heraus. Sie muss den Autor kennenlernen, um ihn zu einem Essen einzuladen.

Es gibt nur ein kleines Problem. Der Autor, dessen Foto zwar die Rückseite des Buches ziert, hat keine Homepage, scheinbar kann man ihn nicht kontaktieren. Er soll sehr zurückgezogen in einem kleinen Cottage in den Cotswolds in England leben. Aurélie ist aber stur, sie hat sich in den Kopf gesetzt, diesen Schriftsteller kennen zu lernen, also wird sie sich von so einem Detail nicht abhalten zu lassen. Sie wirft den Brief mit der Bitte, ihn weiter zu leiten in den Briefkasten des Verlages bei ihr um die Ecke.

Nun tritt der zweite Ich-Erzähler auf, ein männlicher Lektor, der glückliche Entdecker des englischen Autors. Nur scheint er über dessen Erfolg gar nicht so stolz zu sein, wie er es sollte. Und weshalb versucht er, einen Besuch des Autors in Paris zu Werbezwecken erst zu torpedieren?

Wer das Buch noch lesen will, sollte jetzt meine Blog nicht weiterlesen, weil ich hier ziemlich spoile!

 

 

Nun, weil er selbst den Roman geschrieben hat. Der englische Schriftsteller ist eine Erfindung des Lektors und seines englischen Freundes, einem Literaturagenten. Es begann als Spaß, der französische Verleger wollte einen englischen Autoren à la Stephen Clarke. Ich bekomme einen Verdacht, und amüsiere mich königlich. Das ist ja besser als ein Krimi! Ab hier gefällt mir das Buch außerordentlich gut.

Ich google nochmals. Bis in die Untiefen des Netzes. Es gibt keinerlei Informationen über Nicolas Barreau.

Aber ich stoße auf den Blog von Norbert Krüger: Shakespeare & More. Er hält die die angebliche Übersetzerin Sophie Scherrer für die Autorin der Bücher. In einem Kommentar unter einem Blog äußert jemand die Vermutung, dass auch Sophie Scherrer nur eine Fassade ist, und zwar für eine Verlegerin namens Andrea Thiele.

Was für eine wunderbare Geschichte. Eine deutsche Autorin mit einer Vorliebe für Paris schreibt Liebesromane. Liebesromane werden meistens von Frauen gelesen. Und geschrieben. Paris ist die Stadt der Liebe. Wäre es nicht viel geschäftsfördernder, wenn ein französischer (niedlich aussehender) junger Schriftsteller diese Romane schreiben würde? So könnte es begonnen haben.

Und ein paar Bücher und einen Bestseller später findet Andrea Thiele es schade, dass sie weder Lesungen veranstalten kann, noch sich auf dem Blog ihrer Homepage mit den begeisterten Leserinnen austauschen kann. 

Also schreibt sie einen Roman, einen Enthüllungsroman. Und fast keiner merkt es.

Fein!

 

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